Tagebuch einer Reisenden: Serendipity

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Aufgewacht durch eine Männerstimme neben mir, bemerke ich dass ich in meiner Hängematte eingeschlafen bin. Ich richte mich auf und blicke auf das vor mir türkisblau liegende Meer. Es ist windstill heute und die Wellen sind daher nicht stark. Die Männerstimme neben mir telefoniert. Er scheint gerade erst in die Unterkunft angekommen zu sein, wie das Gepäck neben ihm verrät. Ich habe Hunger bekommen, packe daher mein Tausend-und-eine-Nacht-Roman und meine Sonnenbrille in meine Strandtasche und gehe Richtung Zimmer. Für gewöhnlich esse ich in den Unterkünften, wo ich mich aufhalte, da ich dann nicht einsam über die Insel verkehren muss. Außer ich lerne ein paar Reisende kennen, denen ich mich anschließen kann. Für heute habe ich mich dazu entschlossen, alleine für mich in der Unterkunft zu essen. Wenn man so viel alleine reist wie ich, gerade als Frau, sucht man immer Anschluss. Man möchte so viel wie möglich in Gesellschaft verbringen, um das Gefühl der Einsamkeit nicht aufkommen zu lassen. Daher macht es mir nichts aus, auch mal einen Abend gemütlich allein zu essen und einfach nur zu entspannen. Wie ich die Türe zu meinem Strandbungalow öffnen möchte, spricht die sanfte Männerstimme plötzlich direkt hinter mir „So, auch alleine hier?“. Ich drehe mich um und erblicke den telefonierenden Mann von vorhin. Warum ist mir nicht aufgefallen wie gut er aussieht? Er trägt ein weißes Leinenhemd und hat einen Drei-Tage-Bart. Während er mich ansieht und auf eine Antwort wartet, stülpt er seine Ray-Ban Piloten Brille nach oben, wodurch seine tief blauen Augen zum Vorschein kommen. „Ja und Nein. Ich bin nicht ganz allein. Ich habe meine Romane mit mir mit. Da fühlt man sich nie einsam“, sage ich lachend. „Das kann aber ziemlich einseitig werden, jedenfalls falls Sie Lust haben eine Kleinigkeit zu essen später – ich würde mich freuen.“, erwähnt der Ray-Ban Typ. „Gerne. Sie wissen ja jetzt welches Bungalow mir gehört“, antworte ich keck. Nach einer hastigen Handbewegung verabschieden wir uns und ich gehe in mein Zimmer. Was war das denn? Ein kurzer Urlaubsflirt? Ein weiterer Versuch eines Reisecasanovas eine verzweifelte einsame Frau aufzureißen? Die neue große Liebe? Muss ich wirklich so viel hineininterpretieren? Scheinbar ist meine Einsamkeit mittlerweile auf so einem Tiefpunkt angelangt, dass mich jede noch so kleinste Annäherung aus der Bahn wirft. Während meines Indonesientrips habe ich viele Männer kennen gelernt, doch habe ich nicht auch nur annähernd vor, etwas mit ihnen anzufangen. Nach Gili Trawangan bin ich gekommen, um zu entspannen und mich von dem Alltragstress zu befreien. Aber gegen ein Abendessen mit einem charmanten, noch dazu sehr attraktiven Mann spricht ja nichts.

Kurz nach Sonnenuntergang, klopft es auch schon an meiner Bungalow Tür. Aufgeregt werfe ich noch einen Blick in den Spiegel und haste zur Türe. Doch als ich sie öffne, steht da nicht der von mir erhoffte heiße Ray-Ban Typ von vorhin, sondern lediglich einer der Hotelangestellten, der mich höflich darauf aufmerksam macht, dass ich mein Handtuch habe liegen lassen. Ich bedanke mich und knalle die Tür zu. Man, wie tief bin ich gesunken. Ein hübscher Typ will mit mir Essen gehen und ich bin schon direkt wieder auf Wolke 7. Genau das wollte ich hinter mir lassen. Dieses Fremdbestimmt sein. Das Abhängig machen. Sich emotional restlos binden. Nachdem sich in der nächsten halben Stunde immer noch kein Typ vor meiner Türe hat blicken lassen und mein Magen mittlerweile schon Salsa tanzt, beschließe ich alleine im Restaurant nebenan Essen zu gehen.

Am nächsten Morgen ist Tag der Abreise. Ich habe am gestrigen Abend köstlich gegessen und starte nun völlig zufrieden in den Tag. Naja, fast zufrieden. Natürlich hat mich die Tatsache nicht in Ruhe gelassen, dass ER einfach nirgendswo mehr aufgetaucht ist. Es kam mir auch in den Sinn, einfach nach seinem Bungalow zu fragen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Doch dieser Gedanke wurde dann glücklicherweise im nächsten Moment von meinen neuen Prinzipien verdrängt. Sei unabhängig. Selbstbestimmt. Emanzipiert. Renne niemandem hinterher, der es nicht wert ist. Schau in die Zukunft. Binde dich nicht. Also habe ich mir wie so oft in der letzten Zeit, meinen Abend mit den absolut besten Romanen verbracht und bin relativ bald eingeschlafen. Heute ist Check-out Tag und ich plane die Weiterreise mit dem Boot auf die Insel Gili Air. Dort habe ich mir schon vor Tagen ein weiteres Hostel gebucht und mir die Zeit für einen Tauchausflug eingeplant. Glücklicherweise habe ich schon den Open Water Diver, den ich vor einem Jahr in Dubai gemacht habe. Auf Gili Air angekommen, beziehe ich direkt mein traumhaftes Zimmer mit Blick aufs Meer. Der Tauchausflug steht erst für den nächsten Tag an. Da ich mit meinem angebrochenen Tag noch etwas anfangen möchte, beschließe ich mir ein Fahrrad zu leihen. „30.000 Rupiah, Madame!“ sagt der Einheimische vom Resort. Das sind umgerechnet ca. 2,50€ denke ich mir, ein super Preis für einen ganzen Tag. Ich schnappe mir eins der Räder und erkundige die Gegend. Nachdem ich die Straße mit all den vielen Bungalows, Resorts und Hotels passiert habe, fahre ich in das Zentrum des einheimischen Dorfes. Hier sieht es schon ganz anders aus. Das ist das, was mir am Reisen spaß macht. Die Menschen. Wie sie wirklich leben. Was sie arbeiten. Die Kinder, die auf der Straße spielen und einen anstrahlen, weil sie sehen man ist ein Fremder. Beim nächsten Café halte ich an. Es ist ganz schön heiß um die Jahreszeit. Es ist November und damit der heißeste Monat in Indonesien. Heute hat es gefühlte Dreimillionen Grad. Ich stelle mein Fahrrad ab und schaue auf die Auswahl an Erfrischungsgetränken. Wie überall hier wird auch in diesem Café Zuckerrohrsaft angeboten. Meine Mutter hätte früher gesagt, „So etwas kannst du nicht trinken Kind, viel zu süß!“. Daran musste ich immer denken. Jedoch schmeckt es mir und ich bestelle einen. Ich setze mich auf einen der Plastikstühle im Schatten unter dem Strohdach und beobachte das Treiben auf der vor mir liegenden Straße, während ich genüßlich meinen Zuckerrohrsaft trinke. Aufeinmal stupst mich etwas an meiner Schulter. Ich drehe mich und falle fast vom Stuhl. Es ist der Ray-Ban Typ! „Na das ist ja ein Zufall. Ich dachte schon ich sehe Sie nie wieder!“, sagt er lachend und zwinkert mir dabei zu. Ich noch immer sprachlos. „Na, schmeckt’s? Ich weiß nicht, irgendwie hab ich diesen Saft satt. So klebrig, so süß! Darf ich mich setzen?“. Ich denke mir ob er eine an der Klatsche hat, aber er sieht einfach zu gut aus. Verwirrt antworte ich kurz „Äh ja, sicher!“. Kurzes Schweigen. Er starrt mich an. „Ich hatte nicht damit gerechnet Sie hier zu treffen.“, merke ich an. „Enttäuscht?“, frägt er mich mit einem derartig sexy Grinsen, dass ich mich fast an meinem Getränk verschlucke. Ich würde zu gerne wissen, weshalb er mich gestern versetzt hatte. Doch nachfragen ist keine Option für mich. Er könnte ja denken, ich mache mir etwas daraus. Oder schlimmer, ich wäre sogar traurig gewesen darüber. Ich versuche weiterhin cool zu tun und frage „Was treibt Sie denn plötzlich hierher? Auch noch ein paar Tage Erholung bevor es weitergeht?“. „Henry, mein Name. Bitte nenn‘ mich doch Henry. Ich hab irgendwie eine Abneigung gegen diese Förmlichkeiten, so alt bin ich nun auch wieder nicht – auch wenn ich vielleicht so ausseh!“, fügt er wieder mit diesem verschmitzten Grinsen hinzu. „Ich habe hier noch ein paar Dinge geplant, bevor es für mich weitergeht nach Hong Kong. Ich bin Fotograf und versuche mir hier noch ein paar tolle Impressionen zu holen.“ War ja klar. Der Mann sieht nicht nur gut aus, nein, er ist auch noch Fotograf. Wie ich diese perfekten makellosen Männer nicht ausstehen kann. Sie sind gutaussehend, locker, unabhängig, stehen mitten im Leben und haben einen gut bezahlten Job. Keine Midlife crisis, keine Depressionen. Alles easy peasy. Doch meistens ist das auch nur eine Fassade, rede ich mir ein. Ich wette auch Henry hat einen Haken. Ich tippe auf fehlende Sozialkompetenz. Er ist allein unterwegs, hält sich nicht an Verabredungen und steht nicht auf Förmlichkeiten. „Maja mein Name. Freut mich dich kennen zu lernen Henry. Klingt spannend, verkaufst du deine Fotos dann hinterher?“, versuche ich aus ihm herauszubekommen. „Die Freude ist ganz meinerseits Maja.“, er betont meinen Namen mit einer Art, wie ich es noch nie gehört habe. „Ja im Prinzip schon. Allerdings habe ich eine Stiftung die sich um HIV-infizierte Kinder in Botswana kümmert und die Einnahmen gehen direkt an meine Stiftung. Da ich Fotograf bin und gerne reise, ist das ein leichtes, beides zu verbinden!“ Whumm und der nächste Schlag ins Gesicht. Gutmensch. Er ist ein Gutmensch. Durch und durch. Nicht einfach irgendein arroganter Schnösel der ein paar Fotos von halbnackten Mädchen ablichten will. Nein, er sammelt Geld für seine eigene Stiftung. Na das hat mir gerade noch gefehlt. Diese Art von Menschen kann ich genauso wenig leiden. Auch wenn sie Gutes tun. Aber sie sind so aufopfernd, so sozial. Sie sind das Gegenteil von mir und daher mag ich sie nicht. Teilweise liegt es auch daran, dass ich weiß, dass ich so nie sein könnte und ein wenig Neid damit verbinde. „Maja, es war nett Dich noch einmal gesehen zu haben. Ich muss leider weiter, ich treffe mich mit einem einheimischen Freund und wir fahren zu seiner Familie. Mich hat es jedenfalls sehr gefreut Dich noch einmal gesehen zu haben. Der Drink geht auf mich!“. Er zwinkert mir zu, legt der jungen Frau hinter der Theke Geld hin und steigt auf sein Moped. Ich schaue ihm noch hinterher und dann ist er auch schon hinter der nächsten Kurve verschwunden. Puh. Das war anstrengend. Ich dachte nicht, ich würde ihn noch einmal wieder treffen. Irgendwie wollte ich ihn nicht wieder sehen. Aber mein Unterbewusstsein hat eine Party geschmissen in dem Moment, als er mir in die Augen geblickt hat. Mist. Ich muss unter Leute und mich ablenken von dieser Begegnung. Sehen werde ich ihn sowieso nie wieder, daher muss ich ihn schnell wieder aus dem Kopf bekommen. Und das geht am besten mit guter Gesellschaft. Zurück in meiner Unterkunft sitze ich mit einigen anderen Backpackern am Strand und wir unterhalten uns gemütlich. Ein Pärchen aus Dänemark, ein Schwede und ein zwei Mädels aus Spanien. Ich mag diese Konstellationen. Die verschiedensten Menschen treffen aufeinander. Oft auch Personen, mit denen man zuhause nie sprechen wollen würde. Doch beim Reisen ist man wie eine Familie. Man ist auf sich allein gestellt und freut sich daher immer über neue Bekanntschaften und gute Gesellschaft. Gegen Mitternacht verabschiede ich mich, da ich morgen einen langen Tag vor mir habe und gehe schlafen. Beim Einschlafen höre ich noch das Rauschen der Wellen und das Gebell der streunenden Hunde, von weiter weg.

Welche Schuhgröße haben Sie, Madame?“ frägt mich der Angestellte des Diving Center, als ich am nächsten Morgen zum Treffpunkt pünktlich erscheine. „38“, sage ich und warte auf meine Flossen. Währenddessen quetsche ich mich in meinen Neoprenanzug, der irgendwie ziemlich eng ist. Entweder habe ich zugenommen oder die sind hier enger geschnitten. Hüpfend versuche ich ihn hoch zu stülpen. „Kann ich Dir behilflich sein, Maja?“, frägt eine Stimme hinter mir lachend. Plötzlich steht Henry vor mir und vor lauter Verblüffung und Scham verliere ich das Gleichgewicht und lande mit halbhochgezogenem Anzug in Henrys Arme. 

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